ANNA DENGEL –
DAS THEATERSTÜCK

Die Mutter zu verlieren – das ist der Urschmerz eines Kindes. Anna Dengel hat ihn erlebt und ausgehalten. Sie hat ihr persönliches Leid in Liebe verwandelt. Und so ist die Geschichte der Anna Dengel eine Liebesgeschichte der besonderen Art. Anna Dengel begründet mütterlich-heilende Präsenz in einer verwundeten Welt. Sie, die selbst ihre Mutter so früh verloren hat, wird zur Mutter der Mütter, denn kein Kind soll mutterlos durchs Leben gehen. Tief erschüttert wird Anna ein zweites Mal in ihrem Leben, als sie in Indien die unfassbare Not der gebärenden Frauen erlebt. Sie spürt, dass alles, was sie tut, viel zu wenig ist, es ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Und wieder trifft Anna nicht eine resignative Entscheidung, sondern ist lebensbejahend. Das macht sie zur Heldin. Sie ist Feuer und Flamme, andere Frauen für die Heilungsarbeit zu begeistern. Anna Dengel baut eine Gemeinschaft von Frauen auf, die aus Ärztinnen, Krankenschwestern und Pflegerinnen besteht. Sie geht dabei über verkrustete Strukturen hinweg. Ihre Kraft schöpft sie aus dem Lechtal, denn dort sind ihre Wurzeln. Die Seele der Anna Dengel ist immer im Lechtal beheimatet geblieben, egal auf welchem Kontinent sie Krankenhäuser, Krankenpflege- oder Hebammenschulen gegründet hat. Unsere Vorfahren ehrten die Flüsse, indem sie den Ursprung, die Quelle, verehrten. So soll es auch hier sein: Wir ehren als Lechtaler gemeinsam das gewaltige Lebenswerk der Anna Dengel, indem wir ihren Ursprung ehren. Indem wir spüren, dass sie eine von uns ist und dass ihr Heldentum auch in unseren Herzen ruht, bereit für den Ruf, Großes zu schaffen.

 

ANNA – MUTTER DER MÜTTER
DIE HEILERIN AUS DEM LECHTAL

Der Lech ist ein mächtiger Fluss – umgeben von der wilden Schönheit der Berge bahnt er sich seinen Weg durch die Alpen. Die Kraft des Lechtals ist nicht nur in der Natur zu finden, sondern auch in den Menschen, denen dieses Tal Heimat gegeben hat. Manchmal spüren sogar diejenigen, die in der Ferne leben, ihre Wurzeln deutlicher. Anna Dengel wurde am 16. März 1892 als ältestes von neun Kindern in Steeg/Lechtal geboren. Anna ist erst acht Jahre alt, als sie am 24. Oktober 1900 ihre Mutter Gertrud Dengel, geb. Scheidle, durch eine Lungenentzündung verliert. Die Auseinandersetzung mit Schmerz und Trauer nach dem Tod der Mutter prägt Anna Dengel ihr ganzes weiteres Leben. Anna will heilen – sie will andere Kinder davor bewahren, mutterlos in der Welt zu sein – und hat damit ihre Lebensaufgabe gefunden. 1914, als der 1. Weltkrieg Europa überrollt, absolviert Anna Dengel ihre Matura. Als sie 1919 ihr Medizinstudium abschließt und in Irland den Doktortitel erhält, ist sie eine der ersten Ärztinnen Tirols. Schon 1920 geht sie nach Rawalpindi/Indien und übernimmt Aufgaben in der Geburtshilfe, die Männer aus religiösen Gründen nicht ausüben können. Anna Dengel ist Feuer und Flamme. Sie schreibt: „Das ist die Antwort auf meinen größten Wunsch und meine tiefste Sehnsucht: eine Missionarin zu sein mit einem bestimmten Ziel im Auge, eine dringend notwendige Aufgabe zu übernehmen, die nur Frauen erfüllen können. Es ist der Traum meiner Kindheit.“ Anna arbeitet bis zur körperlichen und seelischen Erschöpfung. Sie verfällt in Zustände der Ausweglosigkeit, die sie als „Nacht der Seele“ beschreibt. Anna Dengel spürt: Die Last ist zu schwer für ihre Schultern, sie braucht Verbündete. Nach einem Besuch bei der Familie in Tirol fasst sie den Entschluss zur Gründung der „Missionsärztlichen Schwestern“. Doch erst muss sie den Vatikan zu einer Kurskorrektur bewegen. Denn ein altes Kirchengesetz verbietet die Mithilfe von Ordensleuten bei Operationen und Geburten. Anna Dengel ist hartnäckig, bleibt ihrer Vision treu und schafft es tatsächlich, dass der Vatikan es Ordensleuten ermöglicht, auch bei blutenden Wunden zu helfen. Damit ist der Weg frei für die Ordensgründung der „Missionsärztlichen Schwestern“. Anfangs sind es nur 4 Frauen, die sich zu einer Gemeinschaft von Heilerinnen verbinden. Doch Anna Dengel ist erfüllt von ihrem Traum. Ihren Rückhalt fürs Leben hat sie in der Natur des Lechtals, zu dem sie immer Verbindung hält. Heute gibt es 50 Krankenhäuser in aller Welt, die Anna Dengel gegründet hat. Mutter Theresa war eine Schülerin von Anna Dengel und wurde heiliggesprochen. Mutter Theresa war eigentlich der Ansicht, dass ihre Lehrerin heiliggesprochen werden sollte. Ihr zu Ehren wurde das Theaterstück „Anna – Mutter der Mütter“ geschrieben.

 

CLAUDIA LANG-FORCHER
Autorin und Regisseurin

Claudia Lang-Forcher ist Mitgründerin der Geierwally-Freilichtbühne in Elbigenalp. Lange Jahre (bis 2013) war sie künstlerische Leiterin der Bühne. Sie hat in vielen Stücken die Hauptrolle gespielt. Die meisten ihrer eigenen Stücke, wie etwa „Schwabenkinder“, „Marie, die Alpenrosenkönigin“, „Schattenweiber“ oder „Eine Handvoll Heimat“ wurden in Elbigenalp erfolgreich uraufgeführt. Mit der Geierwally-Freilichtbühne ist sie untrennbar verbunden, sie ist das Herz und das Gesicht der Geierwally-Bühne. Besonders liegen Claudia Lang-Forcher das Schicksal der Frauen und Kinder des Lechtals und ihrer Tiroler Heimat am Herzen. Deswegen sind ihre Hauptfiguren oft Frauen und Kinder aus der unmittelbaren Umgebung. Sie schafft auf der Bühne Vorbilder, um die Menschen zu animieren, mutig und liebend zugleich zu sein. Den Funken überspringen zu lassen, dass die Grenzen zwischen dem Theaterstück und dem Publikum verschwinden und beides zusammen zu einer gefühlten Realität wird. Das macht sowohl die Magie ihrer Theaterschöpfungen aus, als auch ihren Erfolg. Die Stücke von Claudia Lang-Forcher lassen wieder erleben, dass der Held oder die Heldin nicht nur auf der Bühne steht, sondern in der eigenen Seele lebt. Den Mut und die Freiheit Tirols – das wurde hier in der Geierwally-Freilichtbühne gesucht und gefunden.

 

NACHWORT VON PIA MARIA PLECHL
österreichische Journalistin und Autorin

Anna Dengel – man hatte es vielleicht vergessen in den letzten, den stillen, leidvollen Jahren ihres Lebens – ist eine der großen Frauen der Kirchen- und im besonderen der Missionsgeschichte. Wer sie gekannt hat, ist reicher geworden. Würde man versuchen, das Gute, das durch sie gekommen ist, in Zahlen festzuhalten – ein sinnloses Beginnen, gewiss – so käme man auf Hunderttausende von Leben, die von ihrer Gemeinschaft und durch ihr Beispiel gerettet worden
sind, auf Millionen von Menschen, denen Gesundheit erhalten oder wiedergegeben wurde, die auf diesem Wege Christus begegnet sind. Aber es geht nicht um Quantität. Es geht auch nicht nur um den medizinischen Dienst, so entscheidend er konkret und auch prinzipiell ist. Anna Dengel war Ärztin mit Leib und Seele – sie war aber vor allem eine Frau Gottes in der Welt unseres Jahrhunderts. Sie war eine Pionierin, zielstrebig und konsequent; aber sie war zugleich eine gehorsame Tochter der Kirche: Sie hat diese Kirche, mit all ihren Menschlichkeiten, mit all ihren Schwächen, geliebt. Das ist einer der Grundzüge ihres Wesens und ihres Tuns. Sie war ein Mensch, der in zähem Kampf gegen Not und Übel stand und der doch das Gute nicht nur gesehen, sondern selbst immer wieder glaubwürdig gemacht hat. Sie war geboren zur Führerpersönlichkeit und doch von einer Demut, die nichts zu tun hatte mit Bigotterie oder Verklemmtheit. Sie war eine Frau von heute, und doch frei von der Beschränkung auf Zeitströmungen und Kleinlichkeiten. Sie war zutiefst menschlich, weil sie in dem wurzelte, was über alles Menschliche hinausgeht. Anna Dengel war wahrhaftig eine Missionarin, die Geschichte gemacht hat.

 

Nähere Informationen zu Anna Dengel unter
www.freundeannadengel.at